Der Schritt,
der fehlt
Mit einer KI sprechen, eine Idee erklären und direkt eine Anwendung entwickeln lassen: Das ist bequem. Es überspringt allerdings leicht einen entscheidenden Schritt. Die Prüfung, ob das, was die KI verstanden hat, tatsächlich das ist, was wir entwickeln wollen.
Beim Sprechen denken wir laut. Wir beginnen einen Gedanken, korrigieren ihn, erwähnen eine Alternative. „Vielleicht später auch für Unternehmen“ ist schnell gesagt. Ob daraus eine unverbindliche Überlegung oder eine konkrete Anforderung wird, entscheidet zunächst die Interpretation des Systems.
Genau dort kann ein Projekt eine Richtung einschlagen, die niemand bewusst gewählt hat.
Aus einer Möglichkeit
wird eine Grundlage
Ein fiktives Beispiel: Jemand möchte ein einfaches Buchungstool entwickeln und erwähnt beiläufig, dass irgendwann mehrere Firmen damit arbeiten könnten. Die KI antwortet: „Verstanden, wir bauen eine Plattform für mehrere Unternehmen.“ Anschließend geht das Gespräch über Gestaltung und Funktionen weiter.
Die ursprüngliche Möglichkeit steht jetzt als scheinbar beschlossene Grundlage im Verlauf. Daraus können zusätzliche Anforderungen an Benutzerverwaltung, Datenhaltung und Zugriffsrechte entstehen. Technisch nachvollziehbar, aber möglicherweise nie beauftragt.
Was die Forschung
dazu zeigt
Über mehrere Gesprächsrunden können sich unbestätigte Interpretationen zu vermeintlichen Fakten verfestigen.
Dabei beeinflussen auch die Antworten der KI den weiteren Verlauf. Eine Zusammenfassung ist bereits eine Auswahl und Gewichtung. Wenn das System eine eigene Annahme als Entscheidung formuliert und später darauf aufbaut, entsteht eine schlüssige Argumentation auf einer falschen Grundlage.
Dieses Risiko ist wissenschaftlich untersucht. Die bislang nicht begutachtete Arbeit „LLMs Get Lost in Multi-Turn Conversation“ analysierte mehr als 200.000 simulierte Gespräche. In den untersuchten Aufgaben sank die Leistung im Durchschnitt um 39 Prozent, wenn Anforderungen schrittweise im Gespräch statt vollständig zu Beginn vorlagen. Die Forschenden beobachteten, dass Modelle früh Annahmen trafen, voreilig Lösungen entwickelten und sich anschließend zu stark daran orientierten.
Die Zahl ist jedoch kein Beleg dafür, dass Spracheingabe 39 Prozent schlechter funktioniert. Untersucht wurden bestimmte Modelle und Gesprächsszenarien, kein allgemeiner Vergleich zwischen Mikrofon und Tastatur. Daraus lässt sich auch keine entsprechende Fehlerquote für heutige Entwicklungsprojekte ableiten.
Eine ebenfalls nicht begutachtete Arbeit von Februar 2026 untersucht die Lücke zwischen Nutzerabsicht und Modellinterpretation ausdrücklich, allerdings für KI-Systeme, die selbstständig mehrstufige Recherchen durchführen (Deep-Research-Agenten). Die Autoren berichten, dass eine Klärung der Absicht vor Beginn der Ausführung die Leistung in ihren Experimenten verbessert. Das unterstützt die Idee, vor der Umsetzung zunächst den tatsächlichen Auftrag herauszuarbeiten, auch wenn die Studie selbst keine Softwareentwicklung im Gespräch untersucht.
Die Erklärung „Jeder zusätzliche Token macht die Antwort schlechter“ greift deshalb zu kurz. Zusätzliche Informationen können Missverständnisse verhindern. Kritisch wird es, wenn Anforderungen, Vorschläge, verworfene Ideen und Annahmen ohne eindeutigen Status im selben Gespräch stehen.
Das betrifft auch getippte Chats. Bei freiem Sprechen ist die Versuchung allerdings groß, direkt aus dem laufenden Gedankengang heraus entwickeln zu lassen. Eine perfekte Transkription löst dieses Problem nicht: Sie kann jedes Wort richtig erfassen und trotzdem offenlassen, was davon verbindlich gemeint war.
Erst der Auftrag,
dann der Code
Meine Konsequenz: Ein freier Sprachdialog sollte bei folgenreichen Entwicklungsentscheidungen nicht unmittelbar als freigegebene Spezifikation gelten.
Dazwischen gehört ein überprüfbarer Auftrag: Was ist beschlossen? Was bleibt eine Option? Welche Annahmen hat die KI ergänzt? Gerade Entscheidungen, die Architektur, Budget oder Projektumfang verändern, müssen sichtbar werden, bevor darauf aufgebaut wird.
Auch eine automatisch erzeugte Zusammenfassung braucht diese Prüfung. Sonst übernimmt sie dieselbe Fehlinterpretation nur in kürzerer Form.
Voice kann helfen, Ideen zu entwickeln. Für ihre Umsetzung braucht es einen eindeutig festgehaltenen Willen. Denn wenn eine KI schneller programmiert, setzt sie auch ein Missverständnis schneller um.
Workshops
Norman Leis